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Die Turandot-Rätsel
und andere Schwierigkeiten

Herzlos und blutrünstig ist die chinesische Prinzessin Turandot. Um die in ganz Asien erniedrigten und zum Sklavenjoch verdammten Frauen zu rächen und selbst der Heirat zu entgehen, läßt sie jeden Freier hinrichten, der ihre drei Rätsel nicht lösen kann.

Um dem Weimarer Publikum nach der Uraufführung am 30. Januar 1802 den wiederholten Theaterbesuch schmackhaft zu machen, schrieb Schiller für den 4. Auftritt des 2. Aufzugs, in welchem Turandot dem fremden Prinzen ihre drei Fragen vorlegt, weitere Versrätsel. Für die zweite Aufführung am 2. Februar mußte Schiller nur zwei Rätsel dichten, da Goethe ihm mit einem eigenen Rätselgedicht aushalf. Dieses wartet hier als fünftes Rätsel auf (Er-)Lösung. Das Theaterpublikum jener Zeit liebte es, bei solchen Aufgaben mitzuraten, und so kennt man auch aus den Werken anderer Dichter wie Grillparzer oder Rückert ebenso schöne wie schwierige literarische Rätsel.

Wer bereits die ersten drei Rätsel nicht lösen kann, erhält Hilfe beim »Projekt Gutenberg«, und das heißt bei Friedrich Schiller persönlich. Schillers Antwortgedichte zu allen Rätseln sind abgedruckt in der »Berliner Ausgabe«, Bd. 1, S. 841 ff. (herausgegeben von Hans-Günther Thalheim und seinem Kollektiv von Mitarbeitern; Bd. 1 bearbeitet von Dr. Jochen Golz).

Die Rätsel sind hier in der Reihenfolge der Weimarer Aufführungen wiedergegeben:

30. Januar 1802:

Das erste Rätsel

Das zweite Rätsel

Das dritte Rätsel

 

9. März 1803:

Das zehnte Rätsel

Das elfte Rätsel

Das zwölfte Rätsel

2. Februar 1802:

Das vierte Rätsel

Das fünfte Rätsel

Das sechste Rätsel

 

11. Januar 1804:

Das dreizehnte Rätsel

Das vierzehnte Rätsel

Das fünfzehnte Rätsel

24. April 1802:

Das siebte Rätsel

Das achte Rätsel

Das neunte Rätsel

 

bei allen Aufführungen wurden vorgetragen:

Rätsel des Pantalon (Schiller, Turandot, 2. Aufzug, 3. Auftritt)

Bonus-Rätsel für besonders Eifrige (2. Aufzug, 4. Auftritt)

 

Zur Literatur- und Kunstgeschichte:

In E.T.A. Hoffmanns Aufsatz »Seltsame Leiden eines Theaterdirektors«, in dessen Vorwort der Druckausgabe von 1818 der Autor umfassende »Andeutungen über das ganze Theaterwesen« verspricht, geht es im Speziellen um Carlo Gozzis Märchenkomödie »Turandot«.

Hoffmann schätzte das 1762 in Venedig uraufgeführte Stück, das auch durch Schillers Bearbeitung von 1802 in Deutschland nur einem kleinen Kreis bekannt geworden war, außerordentlich und bedauerte, daß Gozzis andere »herrliche Dramen, in denen es stärkere Situationen gibt als in manchen hoch gelobten neueren Trauerspielen, nicht wenigstens als Operntexte mit Glück genutzt worden« seien. Zwar hatte schon 1809 ein längst vergessener Komponist namens Blumenröder versucht, Turandot auf das Musiktheater zu übertragen, und auch nach Hoffmann verzeichnen die Annalen der Operngeschichte einige musiktheatralische Karteileichen dieses Namens. In ein breites Bewußtsein geriet der Opernstoff aber nicht einmal ein Jahrhundert nach Hoffmanns Klage, als Ferruccio Busoni 1917 die chinesische Fabel des Grafen Gozzi auf das Musiktheater brachte.

Bestandteil des internationalen Opernrepertoires wurde Turandot erst 1924 durch Giacomo Puccinis postum uraufgeführtes »Dramma lirico«. Aber die Schwierigkeiten, die es dem Komponisten bereitete, sind schon bei E.T.A. Hoffmann angelegt. In einem seiner Dialoge schwärmt der »Graue« von einer Aufführung der Gozzischen Turandot in Brescia, während der »Braune« einen gewichtigen Abstrich macht: »Nur die vollendete Künstlerin wird das Heroische oder vielmehr die wahnsinnige Wut der Turandot erfassen, ohne den Zauber der herrlichsten Weiblichkeit zu zerstören.«

Quelle: »Verein der Freunde der Salzburger Festspiele«, Salzburg

 

Schillers Parabeln und Rätseln:

Am 27. Dezember 1801 schloß Schiller die Übersetzung des »tragikomischen Märchens« von Carlo Gozzi ab. Seine Rätsel für die verschiedenen Weimarer Darbietungen dichtete Schiller jeweils kurz vorher.

In Schillers Brief an Goethe vom Tage der zweiten Aufführung heißt es: »Indessen sende ich Ihnen zwei Rätsel, und wenn Sie glauben, daß sie zu brauchen sind, so wollen wir die drei neuen gegen die alten austauschen. Vielleicht fällt mir auch noch ein besseres ein. Das Ihrige habe ich noch nicht erbrochen, und ich würde glauben, es erraten zu haben, wenn mich die zwei letzten Zeilen nicht irremachten. Ich werde, wenn Sie beikommende Rätsel genehmigen, das Ihrige erbrechen und alsdann die nötigen Worte für Kalaf aufsetzen und den Schauspielern zusenden.«

Goethe erwiderte noch am gleichen Tage: »Ihre beiden neuen Rätsel haben den schönen Fehler der ersten, besonders des [*], daß sie entzückte Anschauungen des Gegenstandes enthalten, worauf man fast eine neue Dichtungsart gründen könnte. Das zweite habe ich aufs erste Lesen, das erste aufs zweite Lesen erraten. Meo voto [nach meiner Meinung] würden Sie den [*] an die erste Stelle setzen, welcher leicht zu erraten, aber erfreulich ist; dann käme meins, welches kahl, aber nicht zu erraten ist, dann [*], welches nicht gleich erraten wird und, in jedem Fall, einen sehr schönen und hohen Eindruck zurückläßt.«

Die mit [*] gekennzeichneten Stellen enthalten Lösungswörter.

Quelle: »Schiller: Sämtliche Werke in zehn Bänden«, »Berliner Ausgabe«, Bd. 1, S. 841

 

Danksagung:

Unser Dank für Ihre Genehmigung respektive hilfreichen Informationen gilt
Frau Ulrike Eder von den »Freunden der Salzburger Festspiele«,
Frau Ingrid Großmann vom »Deutschen Literaturarchiv« in Marbach am Neckar,
Herrn Ralf Schauerhammer vom »Schiller-Institut« in Laatzen,
Herrn Dr. Jochen Golz, dem Direktor des »Goethe- und Schiller-Archivs« der »Stiftung Weimarer Klassik«, für seinen freundlichen Hinweis auf die »Berliner Ausgabe«, wo Schillers Rätsel- und Antwortgedichte abgedruckt sind sowie ebenfalls an diesem Institut
Frau Christa Rummel für das selbst- und kostenlose Kopieren derselben.

 

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